Aufreger der Woche: Aktion Sche1sstyp

Liebe*r Leser*in,

wie du sicherlich mitbekommen hast: Momentan läuft eine große Kampagne des Helmholtzzentrums gegen den „Sche1sstyp Diabetes“. Bundesweit hängen Plakate und Infoscreens mit der Aufschrift „Sche1sstyp“. Die Aktion wird auch über diverse Social Media Kanäle beworben und durch die Kanäle der Blood Sugar Lounge mitunterstützt. Dort wurde zunächst erklärt, dass alle Autor*innen diese Kampagne kannten und diese unterstützen.

Mir raubte diese Aktion zwei Nächte Schlaf und viele Worte. Ich möchte mich in aller Form von dieser Kampagne distanzieren, was ich auf instagram  und facebook schon getan habe.

Doch welche Auswirkungen hat solch eine Kampagne mit einem solchem reißerischen Marketing?

Die Kampagne soll wohl für Prävention für Typ1-Diabetes sorgen, insbesondere aber Eltern dazu bewegen Kinder in Studien einzuschließen, weniger um Menschen aufzuklären, die Typ1-Diabetes kaum oder gar nicht kennen. Wer liest schon die klein unten angefügten „Erklärungen“?

Ich erlebe gerade eine andere Realität. Am Donnerstag abend klingelte mein Telefon und Marlies Neese, die Vorsitzende des Vereins „Hilfe für Kinder und Jugendliche bei Diabetes mellitus e.V. war am Apparat. Sie setzt sich seit fast vierzig Jahren für die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Typ1-Diabetes ein, wofür ihr unter anderem als Anerkennung ihrer Arbeit bereits 1995 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Hallo Frau Neese, können Sie mir bitte helfen, mein Kind wird gemobbt!

Seit das Helmholtz-Institut die Kampagne gelauncht hat, steht bei Marlies das Telefon nicht mehr still: Verzweifelte Eltern rufen an, deren Kinder gemobbt werden. Kinder, die mittlerweile im Erwachsenenalter sind und Marlies von früher kennen, berichten ihr von diskriminierenden Erfahrungen durch die Sche1sstyp-Kampagne. Kinder und Jugendliche mit Typ1-Diabetes werden auch im Jahr 2019 schon ohne die Sche1sstyp-Kampagne von Kindergärten und Schulen ausgeschlossen oder als lästiges Anhängsel gesehen, machen ausgrenzende Erfahrungen. Die Anzahl der Erfahrungen werden durch die Schei1sstyp-Kampagne massiv verstärkt.

Ausgrenzende Erfahrungen anstatt Teilhabe – kann das 2019 noch ein Ziel sein?

Neben der Aufregung, dass ich kein Sche1sstyp bin, war das auch mein Gedanke: Es wird eine große Personengruppe diskriminiert und herabgewürdigt. Besonders hart trifft es Kinder und Jugendliche, Frischdiagnostizierte oder auch Personen, die ihren Diabetes noch nicht akzeptiert haben.

Marlies brennt für genau diese Zielgruppe. Genauso wie ich, möchte sie die Macher*innen der Sche1sstyp-Kampagne zum Umdenken und vor allem zum Löschen im Netz bewegen. In einem Brief, den ich gerne mit euch teilen möchte, hat sie ihr Anliegen formuliert.

„Sehr geehrte Damen und Herren,

seit gestern, 22. Januar 2019, gibt es die Werbekampagne des Helmholtz-Zentrum München „Fluchen für die Wissenschaft – Auftakt für Awareness Kampagne zu Typ 1-Diabetes“.

[Kürzung wegen Namennennung]

Wir begrüßen jede Forschungsaktivität, jede Verbesserung, jede auch nur erdenkliche Erleichterung in Sachen Diabetes.

Das Motto „Sche1ßtyp“ der oben genannten Kampagne mit bundesweit 1.500 Plakaten und 560 Infoscreens trägt nicht dazu bei – ist nicht nur missverständlich, sondern auch im höchsten Maße diskriminierend für die Betroffenen.

 

Wir sind ein Hilfeverein für Eltern diabetischer Kinder und Jugendlicher, der permanent Unterstützung leistet und sich vielfach mit der Diskriminierung von Kindern mit Diabetes Typ 1 im Alltag auseinandersetzt:

  • Kitas und Schulen, die die Kinder nicht aufnehmen möchten,
  • sonstige Institutionen, die gegen die Eltern den Vorwurf erheben, selbst daran Schuld zu sein,
  • Kostenträger, die immer wieder die Übernahme diabetesspezifischer Hilfsmittel ablehnen,
  • Versorgungsämter, die mit dieser Form „dem Sche1ßtyp“ nicht umgehen können.
  • Familien, die finanziell ums Überleben kämpfen, weil die Mütter kleiner und größerer Kinder zur Versorgung dieser zuhause bleiben müssen. Hohe Mieten und Abzahlungen von Eigenheimen müssen weiter geleistet werden, Nachbarn und selbst Familienmitglieder, die mit Unverständnis und unqualifizierten Äußerungen reagieren wie „richtig ernährt hätte das Kind keinen Diabetes“.
  • Und was ist mit den potenziellen künftigen und derzeitigen  Arbeitgebern der Betroffenen? Wie werden diese auf die Aktion reagieren?

 

Die Kampagne mag gut gemeint sein – nicht jeder liest, bzw. versteht die erklärenden Erläuterungen des Helmholtz-Zentrums. Auch einfache Menschen haben einen Diabetes Typ 1 oder Kinder mit dieser Erkrankung. Aus Sicht der Betroffenen stärkt und bedient diese „Werbemaßnahme“ nur  bereits bestehende Vorurteile.

 

Wir hoffen, dass Sie diese missverständliche bundesweite Plakataktion – Sche1ßtyp – unterbinden bzw. uns aufklären, wie diese zu stoppen ist.

 

Mit freundlichen Grüßen

Marlies Neese

Vorsitzende

Hilfe für Kinder und Jugendliche bei Diabetes mellitus e.V.“

Sprache schafft Wirklichkeit!

Ich kann mich dem nur anschließen und jeden einzelnen Punkt unterschreiben. Sprache ist Macht und Sprache schafft Wirklichkeit. Sowohl für mich selbst als auch für mein Umfeld: Ich bin kein Sche1sstyp.

Liebe Marlies, danke danke danke für deinen unermüdlichen Einsatz!

Ich würde mich sehr freuen, wenn du, liebe*r Leser*in, mit mir in den Austausch kommen würdest und noch besser – auch in einen Dialog mit dem Helmholzzentrum. Du kannst das zum Beispiel tun, indem du diesen Blogbeitrag teilst.

Viele Grüße, beate_putzt gegen Diskriminierung und für Teilhabe

6 Gedanken zu „Aufreger der Woche: Aktion Sche1sstyp“

  1. Wie kann man nur.
    Diese Aktion ist völlig aus dem Ruder gelaufen und überhaupt nicht zu Ende gedacht. Hier wurde mit zwei verschiedenen Bedeutungen gespielt. Einmal Typ als Klassifizierung der Krankheit, und dann Typ umgangssprachlich für eine Person.
    Dass „scheiss“ eben dann auf die Person übertragen wird und T1er damit sprichwörtlich mit Sch**e beworfen werden, ist naheliegend. Als Erwachsener fühle ich mich durch diese Aktion auch beleidigt.

    Wie wäre es denn, man würde eine PR-Aktion für das Helmholtz-Zentrum machen, à la „Wir sind Holtzköpfe“? Fänden die sicher auch nicht lustig.

  2. Danke, Beate, Dein Beitrag mit dem Telefon- und dem Brief-Zitat bestätigt genau meine Befürchtungen!
    Auch kämpfe ich seit einer Woche gegen diese Kampagne (Beschwerde beim Werberat, beim Bundesministerium für Bildung und Forschung, bei Frau Prof. Dr. Z1egler über die E-Mail der Kampagne), nur wird leider bisher nichts beantwortet.
    Mein Blog http://www.laufen-mit-diabetes.de ist für die Zeit der Kampagne vom Netz, bis auf ein klares Statement. Ein kleines, leider unnützes Zeichen.
    Das Ganze tut so weh!

    1. Hallo Andreas, danke für deine Arbeit. Ich bin noch dabei, aber kann dir nur zustimmen. Deinen Artikel finde ich (leider) großartig, auch diese Gedanken gingen mir durch den Kopf. Du bist nicht alleine. Ich schreibe auch verschiedene Stellen an, bisher auch ohne Antwort. Wir werden sehen. Viele Grüße, Beate

  3. Hallo Beate,

    Hier vielleicht ein anderer Blick auf das Thema: Auch ich habe Diabetes Typ 1. Und ich fühle mich durch die Klassifizierung dieses Typs als „Sche1sstyp“ endlich mal verstanden. Es ist ein Sche1sstyp. Und ich würde mich zwar auch über Fortschritte zur Heilung des Diabetes Typ 1 freuen, aber genauso freue ich mich, dass offenbar daran geforscht wird zu verhindern, dass andere Menschen diese Erfahrung machen müssen. Diese Krankheit wünsche ich niemandem. Ich stimme zu, dass die Werbung mich zunächst auch verwirrt hat, gerade im Bezug auf Verwechslungen mit Typ 2. Aber nach einiger Recherche freue ich mich über diese Entwicklung.

    Viele Grüße,

    Katharina

    1. Hey Katharina,
      danke für deine Meinung. Den Blick, dass Diabetes (egal welcher Typ) scheiße sein kann, habe ich auch. In Bezug auf diese Kampagne komme ich nicht auf einen grünen Zweig…
      Liebe Grüße, Beate

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